Bernhard Zöller

Das zweite Interview in unserer Reihe zum Stand des Enterprise-Content-Managements (ECM) und dessen Herausforderungen führen wir mit Bernhard Zöller.

Bernhard Zöller ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Geschäftsbereichs ECM im BITKOM und Geschäftsführer der Zöller & Partner GmbH, einer auf Enterprise Content Management spezialisierten Beratungsfirma. Bernhard Zöller hat über 25 Jahre Erfahrung mit ECM-Technologien inkl. Dokumenten Management, elektronische Archivierung und Content Prozess Management.

Für den Bereich Social Business hat Herr Zöller ebenfalls zu dem aktuellen Stand und den Entwicklungen Stellung bezogen. Seine Antworten können Sie im Blog der Social Business Arena nachlesen: “Bernhard Zöller: Markt muss für Anwender transparenter werden“.

Wo stehen die Unternehmen beim Thema ECM (Einführung und Optimierung)?

ECM besteht ja aus verschiedenen „Content-Disziplinen“. Dazu gehören sowohl DMS/Akte/Archivierung als auch Web Content Management, Collaboration und eine Reihe anderer Content-Funktionen. Für die Teildisziplin „DMS/Akte/Archivierung“ kann man getrost behaupten, dass die deutschen Unternehmen hier sehr sehr weit sind. Es gibt kaum ein mittelgroßes oder großes Unternehmen, welches in den Kernprozessen noch gar keine Lösung im Einsatz hat. Manche unterstützen nur die geschäftskritischen Prozesse, einige wenige haben eine weitgehend flächendeckende Verbreitung. Mit sinkender Unternehmensgröße sinkt auch der Verbreitungsgrad, weil aufgrund der früher sehr hohen Kosten und der notwendigen Skaleneffekte kleinere Unternehmen erst später in solche Lösungen investiert haben. Aber im KMU-Segment beobachten wir auch die höchsten Zuwachsraten, weil es mittlerweile eine Reihe funktional umfassender und preislich sehr attraktiver Lösungen gibt, die auch ein kleineres Unternehmen betreiben kann.

Das Thema Web Content Management stellt ebenfalls keine Lücke dar: Es ist für kein Unternehmen ein Problem sich eine Web Präsenz einzurichten mit allen modernen Merkmalen inkl. interaktiven Elementen für Interaktion mit den Kunden, Shopsystemen, etc.

Relativ neu ist das Thema Collaboration. Der Begriff steht wiederum für eine Reihe von Funktionen wie Blogs, Wikis, Projekträume und beinhaltet meistens auch gemeinsame Dokumentablagen. Dieser Markt ist derzeit noch sehr fragmentiert: Global Player wie Microsoft (mit SharePoint, Yammer und Lync) und IBM (mit Connections) und Alfresco (mit dem gleichnamigen Produkt) konkurrieren hier mit einer kaum überschaubaren Anzahl an Angeboten. Hier würde ich sagen befindet sich der Markt noch ganz am Anfang und häufig in der Testphase.

Was sind die großen Herausforderungen für die Projekte in 2014?

1. Zu verstehen, dass ECM-Lösungen nicht nur ein IT-Thema sondern mindestens auch ein Orga-Thema sind, weil sich die Arbeitsabläufe, Zuständigkeiten und Ordnungssysteme ändern. Die IT kann nur die passenden Plattformen suchen und betreiben: Aber die Lösung steht und fällt mit der Akzeptanz bei den Endanwendern, und deren Input findet viel zu selten Eingang in die Projektarbeit. Die Möglichkeiten moderner ECM-Plattformen erlaubt häufig eine komplett neue Gestaltung vertrauter Abläufe – was das Thema manchmal auch unbeliebt machen kann, wenn klar, wird welche Auswirkungen ein In-Frage-Stellen alter Gewohnheiten hat. Die Entscheidung über solche Weichenstellungen kann und möchte die IT alleine nicht treffen.

2. Eine vernünftige und vom Endanwender auch dauerhaft merkbare Abgrenzung zu finden zwischen den verschiedenen Systemen. Es gibt heute noch keine ECM-Plattform, die alle Anforderungen gleich gut abdeckt. Die guten DMS/Akte/Archivsysteme sind als Collaboration-Plattform wenig oder gar nicht geeignet und – leider – umgekehrt auch nicht.

3. Das Einbeziehen aller Arbeitsplatztypen, die von solchen Lösungen profitieren wollen und nicht nur – wie in den vergangenen 20 Jahren – die sehr strukturiert arbeitenden Sachbearbeiter in den DMS-Klassik-Anwendungen Antragsbearbeitung, Rechnungsprüfung etc. Fach- und Führungskräfte, die nicht ständig sondern nur situativ mit solchen Systemen arbeiten müssen haben komplett andere Anforderungen an die Intuitivität der Benutzeroberfläche und ggf. auch neue Anforderungen an die Endgeräteplattformen: Tablet- und Offline-Nutzung sind typische Anforderungen, die nicht vom Sachbearbeiter im Büro kommen.

Welchen Beitrag kann und sollte die ECM World für die Diskussion leisten?

1. Know-How-Transfer für Neueinsteiger: Was darf man im Jahre 2014 im Standard von einer modernen Plattform erwarten?

2. Erfahrungsaustausch, Best-Practice zu aktuellen Themen. Lessons Learned: Welche Erfahrungen haben andere Anwender mit vergleichbaren Aufgabenstellungen gemacht? Das bezieht sich nicht nur auf Technik und Funktionalität sondern auch auf Projektorganisation unter Berücksichtigung von Orga und Fachbereichen

3. Networking-Plattform für Fachleute auf Anbieter- und Anwenderseite

Vielen Dank für das Interview, Herr Zöller!

The following two tabs change content below.
Frank Hamm ist selbstständiger Berater für Kommunikation und Kollaboration. Er berät und unterstütz Unternehmen, Organisationen und Personen bei dem digitalen Wandel. Über seine Themen Enterprise 2.0, Social Business, Social Collaboration, Public Relations, Social Media und Office Productivity bloggt er im INJELEA-Blog.

Neueste Artikel von Frank Hamm (alle ansehen)

Veröffentlicht unter Allgemein.

2 Gedanken zu „Bernhard Zöller: ECM-Lösungen nicht nur IT-Thema sondern auch Orga-Thema

Schreibe eine Antwort

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> 

Erforderlich